Wie Matka Mooswurzel auszog, die Stadtbewohner zu verstehen

  • "Du von rechts, ich von links." Das sollte wohl ein Flüstern sein. Ha, lachhaft! Gebrüll, Geschratel. *Knack knack* Solch grosse Füße mit derart schwerem Schuhwerk können nicht pirschen, geschweige denn sich an Wild heran schleichen.


    Matka hockt im Wurzelwerk einer alten Eibe, versteckt hinter Farn und Sträuchern und folgt der sich ihr bietenden Szenerie, noch nicht sicher, ob sie eher belustigt oder entnervt ist.


    Diese Menschenwesen, die sich Jäger nennen, sind grobe Klötze, geradezu bemitleidenswert. Matka und ihre Sippe würden sie vielleicht tatsächlich bemitleiden, würden diese Jäger sich nicht immerzu in ihrem Wald herumtreiben, lärmen und stören, Wild aufscheuchen, unnötig Schaden anrichten.

    Heute ist wieder einer dieser Tage, an dem sich viele Menschenwesen im Wald herumtreiben. Zwei dieser massigen Gestalten schicken sich gerade an ein Reh zu schiessen.


    "Na wartet ..." murmelt das junge Koboldmädchen. Unbemerkt von den Jägern huscht sie hinter einen Baum, an dem die zwei Kerle jeden Augenblick vorbei kommen würden. Still wird die Hand an die zerfurchte Rinde des Baums gelegt und leis etwas gemurmelt.

    Im nächsten Augenblick schnellen Wurzeln wie Schlangen aus dem Erdreich hervor, peitschen durch Unterholz und Laub zwischen den Füßen der Jäger hindurch, so dass diese ins Straucheln kommen. Wie einstudiert reissen beide die Arme in die Höhe, als sie über die Wurzeln stolpern, die unmittelbar wieder im Waldboden verschwinden, als wären sie nie da gewesen. Pfeil und Bogen fliegen durch die Luft, mit aufgerissenen Mündern und vor Überraschung geweiteten Augen fallen die Menschenwesen mit großem Getöse der Länge nach auf die dicken Bäuche.


    Matka ist sich nun sicher: DAS war definitiv spassig! Sie lacht hell und ausgelassen, was aber unter dem Gekreische von aufgeschreckten Vögeln untergeht, die, ebenso wie jegliches Wild in der Nähe, das Weite suchen.


    "Das geschieht euch recht!" konstatiert der junge Waldgeist, von den Kerlen ungehört. Für heute würden sie die Jagd abbrechen. Aber sie würden sicher wiederkommen, sie oder andere. Nie wird das aufhören und nie wird Matka müde werden, den Wald, die Bäume, die Tiere, ihre Freunde vor den Pfeilen dieser Grobiane zu schützen. Heute abend wird Matka beim Essen im Kreis der Sippe eine lustige Geschichte zum Besten zu geben haben.

    Das Hirn ist keine Seife ... es wird nicht weniger, wenn man es benutzt! :girl:

  • "Nie, niemals geht ihr in die Siedlung der Menschen. Auch haltet ihr euch von den Knochensümpfen fern und das Reisszahn-Gebirge ist auch nichts für euch, hört ihr?! Ihr seid weder der Gier der Menschen, noch der Wildheit der übrigen Kreaturen gewachsen. Hier im Wald seid ihr sicher, sind WIR sicher!"


    Wie oft hatten sie das eingebläut bekommen, die Ältesten wurden und werden nie müde, von den Grausamkeiten der Welt ausserhalb ihres Sommerwaldes zu berichten.

    Matka beobachtet sie ja oft genug, diese Jäger aus der Menschensiedlung. Manchmal werden sie von anderen Wesen begleitet, von seltsamen Halblingen oder Gestaltwandler. Manche, ein paar wenige bewegen sich nicht so plump und laut, beinahe so, als wären sie auch in Wäldern beheimatet und wüssten sich, dort zu bewegen ohne Schaden anzurichten.


    Was nur bringt sie aber alle dazu, fast täglich in den Sommerwald einzufallen. Mit Pfeil und Bogen jagen sie Rehe, Hirsche, Karnickel, Füchse, Rebhühner, gerade so, als haben sie Dutzende von Sippen zu versorgen. Wenn man sich aber ihre Wampen anschaut, so erkennt man, dass es ihnen nicht nur um das Stillen ihres Hungers gehen kann.


    Matka sitzt bequem in einer Astgabel einer Eibe, lässt ein Bein baumeln und grübelt. Was stellen diese Menschenwesen mit dem ganzen Fleisch, den Fellen und Federn nur an? So sehr sie sich bemüht, sie kann an den Jägern selten nur Gewandung aus Leder oder Fell erkennen. Das Schuhwerk, ja, ab und an, aber ihre Beine, Arme und Oberkörper sind zumeist mit Stoff bedeckt.


    Das Koboldmädchen fasst einen Entschluss. Sie würde den Jägern folgen, sich in die Menschensiedlung schleichen und schauen, was sie dort mit ihrer Beute anstellen. Vielleicht nicht heute, aber morgen eventuell oder den Tag darauf. Sie würde es herausfinden, bei allen Geistern!


    Matka legt die Stirn in Falten. Soll sie allein gehen oder jemanden mitnehmen? Ihren Bruder in keinem Fall, der ist zu jung, verplappert sich und verpetzt sie und ihren Plan. Ihren Cousin Bolle Blattgrün? Huh, nein, der ist viel zu tolpatschig, wahrscheinlich würde er sie noch auffliegen lassen, weil er in der Menschensiedlung über irgendetwas stolpert, wo hängen bleibt oder hinein fällt. Ihre Freundin Else Eichblatt kann sie gleich ausschliessen, die ist viel zu ängstlich. "Dann muss ich wohl allein gehen, ist wohl auch besser so. Ich werde einen guten Zeitpunkt abpassen, mich aus dem Wald herausschleichen und zurück sein, eh irgendjemand etwas bemerkt!" beschließt Matka. Noch eine Weile sitzt sie auf dem Baum, dann schwingt sie sich hinab und macht sich auf den Heimweg.

    Das Hirn ist keine Seife ... es wird nicht weniger, wenn man es benutzt! :girl:

  • Es gießt wie aus Kübeln und die Sippe hat sich in der großen Halle im Stamm der heiligen Eiche versammelt. Man genießt das Abendmahl aus Eckernmus, Kastanienbrot, Pilzsuppe und frischem Salat aus Farn, Buschwindröschenblättern und Hainsimse. Unbemerkt steckt Matka ein paar Stücke Brot in ihren Beutel, den sie heute wohlweislich nicht abgelegt hat. Zum Nachtisch gibt es Oma Hornmoos' phantastischen Pudding aus Fichtenzapfenharz, von dem die junge Koboldin etwas in ein Blatt rollt und ebenso in ihrem Beutel verschwinden lässt. Nach dem üppigen Mahl lauschen alle satt und zufrieden noch den Erzählungen der Ältesten.


    Träge und schläfrig, wie mittlerweile alle sind, scheint dies eine ausgezeichnete Gelegenheit zu sein, sich aus dem Staub zu machen. Leise und unbemerkt huscht Matka aus der Halle, verlässt die Eiche und läuft zur kleinen Lichtung hinter dem Buchenhain. Dort sucht und findet sie Gilda, das Glühwürmchen. Gegen eine Portion Harzpudding erklärt sich Gilda einverstanden, Matka den Weg aus dem Wald zu leuchten, zumindest durch den dichtesten Teil, bis dorthin, von wo aus man die Lichter der Menschensiedlung schon zwischen den Bäumen hindurch schimmern sehen kann.


    "Du versprichst, vor dem Morgen zurück zu sein? Ganz bestimmt?" fragt Gilda, als die beiden den Rand des Sommerwaldes erreicht haben. Matka hört schon kaum mehr zu. Laute Stimmen, Lärmen, seltsame, unbekannte Geräusche dringen zu ihnen hinüber.

    "Matka!" Gilda fliegt unmittelbar vor dem Gesicht des Koboldmädchens auf und ab, um endlich dessen Aufmerksamkeit zu erlangen.

    "Huh? Ja, jajadoch, Matka ist zurück, bevor der Sommerwald hell wird, versprochen."

    "Wenn nicht, werde ich Oma Hornmoos sagen wo du bist, und glaub mir, dann wirst du Ärger bekommen."

    "Matka ist nicht dumm! Gilda muss aber jetzt zurückfliegen."

    Die beiden verabschieden sich voneinander und Matka tritt den Weg zur Menschensiedlung an.


    Der Lärm wird immer intensiver, die Menschenwesen sind noch lauter als sie es in Erinnerung hat. Matka steht oben auf der Anhöhe und schaut auf die Siedlung hinab. So viele Menschenwesen auf einmal hat sie noch nie gesehen. Manche sitzen am Feuer beisammen, erzählen und lachen. "Wie wir, nur lauter." stellt Matka fest. Andere musizieren und tanzen dazu. "Wie bei uns, nur lauter." konstatiert die junge Koboldin.


    Plötzlich erfüllt ohrenbetäubender Radau die Luft, es wird taghell und der nächtliche Himmel ist erfüllt von Blitzen. Bunten Blitzen! Bunten Blitzen, die sich in viele kleine Sterne auflösen und auf die Erde regnen. Die Menschenwesen gröhlen vor Begeisterung, "Ahs" und "Ohs" ertönen. Matka schreit auf vor Schreck, macht einen Satz zur Seite und stolpert über eine Wurzel. Ausgerechnet! Ausgerechnet sie, die mit den Wurzeln im Sommerwald immer gemeinsame Sache macht, um die Jäger stolpern zu lassen. Matka kullert den Abhang hinunter, versucht sich immer wieder irgendwo festzuhalten, purzelt schneller, alles dreht sich. Bunte Blitze, bunte Sterne, lautes Knallen. Sie verliert ihren Beutel und jegliche Orientierung, purzelt immer schneller. Dann, plötzlich, ist es still.

    Das Hirn ist keine Seife ... es wird nicht weniger, wenn man es benutzt! :girl:

  • Mit brummendem Schädel erwacht Matka und sieht verschwommen jemandem vor sich stehen. 'Huh verdammt, sie haben mich entdeckt!' denkt sie und versucht sich aufzurichten, um davonzulaufen. Sie hört eine Stimme und wäre sicher, dass es dieser Jemand ist. Aber der hat sich nicht bewegt, zumindest so weit ihr verschwommener Blick ein klares Erkennen zulässt. Das Koboldmädchen blinzelt, wischt sich mit der Hand über die Augen und hört wieder diese Stimme.

    Portal? Trent? Wo?? Was?? Und vor allem warum?!! Und wie bei allen Geistern kommt sie dazu, einer Steinfigur zuzuhören?! Nein, Holz, kein Stein. Nein, auch kein Holz. Ach, verdammt, was spielt das für eine Rolle. Dieses Dings erklärt ihr, dass sie nicht mehr im Sommerwald ist, nicht einmal in der Nähe. Simkea ... noch nie gehört. Diese bunten knallenden Blitze müssen sie am Kopf getroffen und ihr Gedächtnis arg in Mitleidenschaft gezogen haben. Das kann entweder nur ein Traum oder ... genau! Ein böser Scherz dieser Menschenwesen!


    Allmählich sieht Matka wieder klarer und sie schaut sich suchend um, während diese Stein-Holz-Figur immer noch auf sie einredet. Portalinsel, Wächterfigur, Wächter der Tore, gerettete Seele. Wie jetzt? "Aber ich wollte doch gar nicht ... gerettet werden! Das Leben im Sommerwald war gut! Ich wollte nur sehen, warum diese grauenhaft grobschlächtigen Menschenwesen immerzu in den Wald kommen und alles zerstören!"


    Diese sogenannte Wächterfigur erkärt Matka völlig unbeeindruckt von ihrem Einwand, wie sie Brot backen, Holz schlagen, Feuer machen kann, drückt ihr ein paar Lumpen in die Hand, die sie überziehen soll ... und verstummt.


    "Heee, heda, sprich mit mir, wie komm ich zurück in den Sommerwald?" Es hilft nichts, das Dings bleibt stumm. Auch ist auf dieser Portalinsel niemand sonst zu sehen. Dann wird sie wohl die Insel verlassen und sich dieses Trent und das Umland mal anschauen müssen. Wenn doch nur ihre Freundin Else hier wäre, oder Bolle. Noch nie hat sich das Koboldmädchen so einsam gefühlt, so verängstigt. Dabei ist doch eigentlich ihr Bruder der ängstliche von ihnen und Matka hatte ihn oft genug trösten müssen. Wie gern würde sie das jetzt machen, um ihre eigene Furcht zu überspielen.

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  • "Oma Hornmoos, erzähl uns doch bitte eine Geschichte." rufen die Koboldkinder, während sie der Alten beim Einsammeln von Fichtenzapfenharz helfen.

    Die Kinder gehen immer gern mit, weil sie wissen, dass sie dann wieder eine der wunderbaren, spannenden, lustigen oder gruseligen Geschichten zu hören bekommen. Es gibt nichts Schöneres, als sich zusammen mit den anderen zu gruseln oder so herzhaft zu lachen, dass man beinahe vom Baum kippt und auf dem Rückweg zu erklären, wie man es besser gemacht hätte als der Held der Geschichte oder warum man selbst mutiger gewesen wäre.


    Heute erzählt Oma Hornmoos die Geschichte von Taps, dem frechen Hirschkäferjungen, der hinter einem wunderschönen, noch nie gesehenen Schmetterling herjagt. Er achtet nicht auf den Weg und fällt in eine Pfütze, die aber gar keine Pfütze ist, sondern ein Portal in eine ihm völlig fremde Welt. Auf der anderen Seite des Portals purzelt Taps aus dem hohlen Stamm einer dicken Eiche heraus und findet sich am Rande eines Dorfes wieder, in dem so viele Gestalten herum laufen, die er gar nicht kennt, noch nie gesehen hat. Sie sprechen alle verschiedene Sprachen, doch Taps versteht seltsamerweise alle. Die Angst packt ihn, als er die fremden Wesen sieht und voller Panik klettert er zurück in den hohlen Baum, will zurück in den Wald, aus dem er gekommen ist. Doch der hohle Stamm ist nichts weiter als ein hohler Stamm. Es gibt keine geheimen oder verborgenen Gänge oder Pforten, nichts, was dem Käferjungen ermöglichen würde, wieder zurück zu gelangen.


    Eine Weile hockt Taps in dem Stamm der Eiche und weint bitterlich. Als die Dämmerung allmählich einsetzt, knurrt ihm der Magen ganz grässlich ...



    Matka schreckt auf, geweckt von dem lauten Knurren ihres Magens. Verwirrt blinzelt sie und schaut sich um. Dann fällt es ihr wieder ein. Das Portal, die Wächterfigur, die Insel, die sie verlassen soll. Sie schaut an sich herab und auch an die Lumpen erinnert sie sich nun wieder.

    Als das Koboldmädchen diese Portalinsel verlassen hatte, war sie auf einen Baum geklettert, von wo aus sie die Umgebung auskundschaften und die nächsten Schritte überlegen wollte. Offensichtlich war sie eingeschlafen und hatte von Oma Hornmoos geträumt. Die Geschichte von Taps ... die gefällt ihr immer noch am besten.


    Matka fährt sich durch die wilden, grünen Haare, wischt sich über die Augen und atmet tief durch. Noch einmal. Und noch einmal. Schliesslich klettert sie von dem Baum herunter und folgt dem Pfad, der - wie sie vom Baum aus gesehen hat - zu den Mauern einer Stadt führt. Das wird dann wohl Trent sein. Sie muss unbedingt etwas essen und ein sicheres Lager für die Nacht finden. Da sie nicht weiss, wie gefährlich die Umgebung hier ist, wird sie wohl erst einmal Schutz innerhalb der Mauern suchen.

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  • Verstohlen blickt sich Matka um. Niemand in Sicht, ausgezeichnet. Schon hat sie einen Apfel gepflückt, den sie rasch in ihrer Tasche verschwinden lässt. Dabei hört sie ein Rascheln und sie bemerkt ein Stück Papier. Die schlanke Koboldhand lässt den Apfel in der Tasche los und greift nach dem Papier. Mit kraus gezogener Nase betrachtet Matka den Brief, während sie mit der anderen Hand einen zweiten Apfel vom Baum pflückt, kurz an den Lumpen abwischt und herzhaft hineinbeisst.


    Was bei allen Waldgeistern ist das? Wessen Handschrift ist das? Warum trägt sie den Brief in ... oh! Matka dreht den Brief und begutachtet auch die Rückseite, während es ihr allmählich dämmert. Dieser alte Mann in der Nähe des Portals hatte ihr den Brief gegeben und sie gebeten ihn nach Trent zu bringen. Ins Rad... Rat... Ratsgebäude! Genau! Zu Maria, nein, Marry!


    Matka knabbert den Rest des Fruchtfleischs vom Apfel und schiebt sich schliesslich auch die Apfelkitsche in den Mund. Sie blickt zur Stadtmauer und legt die Stirn in Falten. "Marry, im Ratsgebäude ... hoffentlich finde ich das." murmelt sie und spuckt zwei Apfelkerne ins Gras. Dann stopft sie den Brief wieder in ihre Tasche und macht sich auf. Mulmig ist ihr schon, sie kennt doch niemanden! Und wenn die Einwohner unfreundlich sind, Fremde gar nicht mögen, nicht bei sich haben wollen? Je näher sie dem Stadttor kommt, desto langsamer wird sie. Schliesslich huscht ein kleiner grüner Blitz durch das Tor und hinein in die nächste Gasse.


    Mit hämmerndem Herzen drückt sich Matka an eine Hauswand und schaut sich suchend um. Sie hört entfernte Stimmen und setzt vorsichtig ihren Weg fort, weg vom Tor, hin zur Stadt, gen Süden. An einem großen Gebäude bleibt sie schliesslich stehen. Imposant schaut es aus. Sieht so ein Ratsgebäude aus? Matka beschliesst, ihr Glück zu versuchen und dreht den Knauf, um die große Tür zu öffnen. Nichts! Sie versucht es erneut und merkt, wie die Tür ein wenig nachgibt ... und dann wieder ins Schloss fällt. Verdammt! Mit aller Kraft stemmt sich das Koboldmädchen gegen die Pforte, die sich dann zumindest so weit öffnen lässt, dass sie hindurch schlüpfen kann.


    Leise huscht Matka weiter und sieht eine junge Frau an einem Tisch sitzen. Sie bemerkt den Besucher, schaut auf und nickt lächelnd. "Hallo, ich bin Marry, kann ich helfen?" Zögerlich tritt Matka näher, kramt den Brief aus ihrer Tasche und streckt ihn der jungen Frau entgegen.

    "Ich ..." Ein Kloß im Hals verschlägt ihr die Sprache, so dass Matka sich erst einmal räuspern muss, um schliesslich hervorzubringen "Ich bin Matka und habe hier einen Brief für Marry abzuliefern."

    Der Anfang wäre geschafft und Marry, ja, die junge Frau ist tatsächlich die Gesuchte, ist ausgesprochen freundlich, trägt die Koboldin sogleich ins Bürgerbuch ein und rät ihr, sich doch mal am Markt umzusehen. Dort würde sie sicher andere Einwohner antreffen, die Arbeit zu vergeben haben. Damit wäre dann auch ihr Auskommen und täglich Brot gesichert.


    Arbeiten?? Auskommen?? So hatte sie sich das aber nicht vorgestellt, DAS war nicht der Plan gewesen!

    Leise seufzend bedankt sich Matka bei Marry und schickt sich an, das Ratsgebäude wieder zu verlassen. Während sie leise schimpfend gegen das Gewicht der Tür ankämpft, um de Gasse betreten zu können, sich mit all ihrem Gewicht - was zugegeben nicht das meiste ist - an den Türknauf hängt und nach Kräften zieht, überlegt das Koboldmädchen, Trent einfach wieder zu verlassen. Äpfel würde sie sicher noch finden, Beeren vielleicht auch, verhungern würde sie nicht. Aber da war noch die Unsicherheit darüber, wer oder was sich nachts ausserhalb der Mauern herumtreibt.


    Als sich die Pforte endlich öffnet und das Ratsgebäude den Waldkobold wieder freigibt, atmet Matka tief durch und folgt dem Stimmengewirr und den verführerischen Düften, die ihren Magen immer lauter knurren lassen, bis sie schliesslich am Marktplatz steht.

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  • Was war das eine turbulente Zeit gewesen, die ersten Wochen und Monate in Trent!

    So viele Gesichter, so viele Namen, so unfassbar viele unterschiedliche Wesen ... und die meisten ebenso unfassbar lieb und hilfsbereit.


    Kätchen, die Köchin mit der blauen Haut, hatte Matka immer wieder Leckereien oder auch mal Heller gegeben, wenn sie Pilze von der Waldstelle mitgebracht hatte, oder Blaubeeren, oder Grünkraut. Eben so Sachen, die eine Köchin wohl braucht.


    Rodinia, die sehr oft sehr betrunken ist und wohl in den Bergen lebt. So oft sieht man sie in Trent nicht, dafür hört man sie vom Berg herunter rufen.


    Louie, ein riiiiesiger Drache, vor dem ein kleines Koboldmädchen normalerweise wahrscheinlich sehr grosse Angst hätte. Aber Louie ist so lieb wie er gross ist. UND! ... er hat Matka ein bisschen Alchemie beigebracht. Vielleicht, wenn sie beide mal wieder Zeit finden würden, würde er ihr noch mehr beibringen.


    Dann gibts noch Jonny, der ist immer am Markt und tauscht Blechtaler gegen alle möglichen Dinge, die man allemale besser brauchen kann als Blechtaler. Matka ist bei allem Grübeln nichts eingefallen, wozu sie Blechtaler hätte gebrauchen können. Aber Jonny hatte ihr für die Blechtaler, die sie in ihrer Tasche gefunden hatte, einen hübschen Tonkrug gegeben. Mit dem kann man am Brunnen ganz toll Wasser schöpfen. Und ein Messer hatte sie von dem nicht gerade redseligen Jonny auch noch bekommen. Das war natürlich klasse gewesen! Ein Messer kann man immer gut gebrauchen! Für alles mögliche! Äpfel von Bäumen schneiden, schälen, Rinde schälen, Pilze sammeln. Wenn man vorsichtig genug ist, kann man sich damit auch die Fingernägel sauber machen, wenn man zu lang im Waldboden herumgegraben hat.


    Dann waren da noch Xanthy, ein hübsches, freundliches Wasauchimmerfüreinwesen, Ratti, ein Skelett, nein, nicht irgendeines, der Rattentod sozusagen, und ihr Freund Erian, ach ja und Knorke mit der roten Knubbelnase und Nyarla, ein sehr seltsam sprechender Kater, hm oder ist Nya eine Katze? Matka ist sich nicht ganz sicher. Gleichgültig, lieb ist das Katzenwesen, wie so viele andere auch.


    Es gibt also überhaupt gar keinen Grund, Angst vor Trent und seinen Einwohnern zu haben. Hm, nur vor diesen Tschätt-Dingern sollte man sich in Acht nehmen. Die laufen in der Stadt rum und haben ganz fies spitze Zähne, mindestens einhundertzweiundachtzig, würde Matka schätzen. Aber wenn man einen Bogen um sie herum macht, lassen sie einen auch in Frieden.

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  • Mittlerweile hat sich Matka wirklich eingelebt in Trent und hat wirkliche Freunde gefunden. Selbst Chalek, der offensichtlich irgendetwas mit Blue, dem Lagermeister, am Laufen hat, weil er den ganzen Tag am Lager steht, hockt, döst, scheint doch auch ein feundlicherer Geselle zu sein, als es der erste, meist wortkarge Eindruck vermittelt.


    Die meiste Zeit verbringt Matka im Wald oder oben am Gutshof. Sie hat mittlerweile ihren eigenen Garten. Traurig streicht sie über den kleinen Schlüssel zu Rios Garten. Sie vermisst ihren Freund. Ob er wohl je wieder auftaucht? Zum Grübeln bleibt ihr wenig Zeit. Schliesslich braucht Kätchen Kakaobohnen, Pfefferminzblätter, Rosmarin, Pilze, alles, was eine Köchin eben benötigt, um herrliche Leckereien zu fertigen. Oft vergütet Kätchen Matkas Lieferungen mit solchen Leckereien, herrlich!

    Manchmal hat Matka so viel gesammelt und in Kätchens Kiste gepackt, dass sie dafür sogar ein gezähmtes Pferd bekommen hat. Was für eine Erleichterung, die langen Wege nicht auf eigenen Sohlen zurücklegen zu müssen. So geht das Sammeln nochmal so schnell und Matka muss die gefüllten Weidenkörbe nicht zu Fuss in die Stadt schleppen.


    Louhis Lehrstunden in der Alchemie weisen inzwischen auch Erfolge auf. Kleine Heiltränke kann Matka fertigen, die wurden ihr geradezu aus den Händen gerissen, als sich viele Trenter Frostbeulen geholt haben bei dem Versuch, die armen, vereisten Seelen zu befreien. Einen guten Muttertrunk in der Tasche zu haben, kann auch nicht schaden, wie schnell hat man sich bei dem schnell wechselnden Wetter in Simkea eine Erkältung eingefangen.

    Matka weiss, dass sie bestimmt noch mehr Tränke, Pasten, Tinkturen herstellen kann, aber sie ist sich nicht sicher, was für eine Wirkung diese hätten. Sie muss da wohl nochmal mit Louhi sprechen ... oh, oder mit Professor Bloom, vielleicht hat er sogar das eine oder andere Buch, das ihr helfen würde.


    Das Koboldmädchen hat mittlerweile schon soooo viele Heller gesammelt, wie sie noch niemals vorher hatte. Nun gut, sie hat auch nie Geld gebraucht. Hier braucht man das aber, um sich ab und zu am Markt etwas Hübsches oder Leckeres kaufen zu können. Oder Glasflaschen, oder reinen Alkohol, oder einen neuen Rucksack. Aber immer noch hat sie so viele Heller. Am Taler-O-Mat im Rathaus kann man die Heller abgeben, damit man sie nicht mit sich herumschleppen muss. Nicht, dass man sie noch verlieren würde, das wäre nicht so gut. Das Taler-O-Mat zeigt Matka an, dass sie schon 5 Dublonen zusammengesammelt hat, 5 Dublonen!

    "Ich bin reich!" murmelt sie ungläubig, als sie in der Halle des Rathauses steht und der Taler-O-Mat ihr anzeigt, wieviel sie schon angesammelt hat.

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  • Weihnachten wurde in Trent nicht viel anders gefeiert, als bei ihr zu Haus im Wald auch. Nur noch viel ... bunter, leuchtender, geschenkiger, freudiger. Mit vielen bunten Socken, die in der Taverne am Kamin aufgehängt werden, buntem Geschenkpapier, um Sachen darin zu verpacken, Bergen von Geschenken mit kleinen Zetteln daran, damit auch jeder weiss, was für wen und von wem ist. Toll!


    So viele schöne Geschenke hat Matka bekommen, über jedes einzelne hat sie sich riesig gefreut. Das grösste Geschenk aber hat sie von Kätchen bekommen. Das konnte die Köchin nicht einpacken: ein Kamel! Ein Kamel! Matka kann es noch immer kaum glauben! So ein grosses, mit ganz langen Wimpern und einem weichen Maul, irre grossen Füssen und ganz lieben Augen.


    Matka hat schon viel über die Wüste gehört, aber war bisher noch nicht dort. Jetzt, wo sie ein Kamel hat, hat sie keine andere Wahl: sie MUSS in die Wüste. Ein bisschen mulmig ist ihr schon, aber auch irre aufgeregt ist sie, neugierig.

    Das Koboldmädchen fragt viele, die schon in der Wüste waren, worauf sie achten muss, was sie mitnehmen muss. Kätchen hat ihr mit dem Kamel zusammen schon ein paar Tips gegeben und ein grosses Fernrohr hat sie auch bekommen.


    Warme Sachen muss sie mitnehmen für die Nacht, weil es in der Wüste nachts sehr, sehr, sehr kalt werden soll. Ganz viel Wasser. Einen Strohhut. Vorsichtshalber kauft sich Matka Sonnenbalsam, um einen eventuellen Sonnenbrand lindern zu können. Messer, Seil, Ersatzkleidung, Weidenkorb, eine Kompasskette. Puh, dafür braucht man also Heller, jede Menge Heller, Lederhandschuhe, um Kaktusfeigen zu pflücken, ein Ersatzmesser, weil Kätchen Hefepilz braucht. Dem Himmel sei Dank ist das Kamel gross und stark, das könnte Matka gar nicht alles tragen.


    Wie aufregend, jetzt geht es los!

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  • Himmel, ist das heiss! Sobald man den Gebirgspfad hinter sich gelassen hat, betritt man tatsächlich eine andere Welt! Die Luft ist flirrend heiss und trocken wie das Blatt eines Nistralbaums, das den gesamten Sommer über auf dem Boden gelegen hat, ohne von Mutter Baum mit notwendigen Nährstoffen und Wasser versorgt worden zu sein.


    Sand so weit das Auge reicht. Unfassbar, so viel Sand hat Matka noch nie nicht gesehen! Düne hinter Düne, bis zum Horizont und wahrscheinlich noch viel weiter.

    Das Kamel macht sich toll, tapfer macht es Schritt um Schritt und schaukelt Matka und ihr Gepäck durch die gelbgoldene Landschaft. Das Koboldmädchen hat sich inzwischen an das Schaukeln gewöhnt und aufgegeben, dagegen anhalten zu wollen. Sie schaukelt mit und stellt fest, dass es sich so viel bequemer reisen lässt. Einfach mitschwingen, mit jedem Schritt des Kamels, links, rechts, links, rechts, schaukeln, schwingen. Leise singt Matka ein Lied im Rythmus mit.


    Ihr Seil hatte sie locker um den Hals des Kamels gelegt, damit sie sich festhalten kann, sollte es mal zu arg schaukeln.

    Und das hatte sich durchaus als ausgesprochen clever erwiesen!

    Denn plötzlich macht es einen Ruck, das Kamel einen Knicks und Matka einen Purzelbaum über den Kopf des Wüstenschiffs hinweg in den Sand.

    Huch, was war denn das?! Verwirrt will sich Matka aufrichten, bemerkt aber, dass ihr der Boden unter den Füssen nachgibt. Oh nein, nicht ohnmächtig werden, so schlimm war doch der Sturz gar nicht, ausserdem ist sie doch hellwach. Oh, verdurrich, der Boden gibt tatsächlich nach! Treibsand!


    "Aaaaaaaaaah." Ein panischer Schrei bahnt sich den Weg durch Matkas staubige Kehle. Hektisch rudert sie mit den Armen, obwohl man das nicht machen soll. So wenig wie möglich bewegen, hatte man ihr geraten, nicht strampeln, keine hektischen Bewegungen, man gräbt sich dann nur noch mehr ein. Aber ihr Instinkt lässt sie nach dem Kamel greifen, das sich neben ihr gerade wieder aufrichtet, offensichtlich noch auf festem Grund stehend.

    Und dann bekommt Matka das Seil zu fassen, das das Kamel um den Hals trägt.

    "Jaaaa, loooos, lauf, lauf los, jayjayjayjay!" brüllt sie das Tier aus Leibeskräften an, um es anzutreiben. Und tatsächlich setzt sich das Kamel in Bewegung, Matka hält sich fest und liegt kurz darauf auf zwar durch ihr Gewicht leise rieselnden, aber nicht nachgebendem Sand. Geschafft! Puh, das war knapp!


    Erst einmal einen ordentlichen Schluck Wasser für das Kamel und sie selbst, dann geht es weiter.

    Unterwegs macht sie an grossen Kakteen halt und pflückt Kaktusfeigen. Lächelnd dankt sie Louhi im Stillen, dass er ihr zu den Lederhandschuhen geraten hat, ansonsten würde sie arge Verletzungen durch die sehr festen und sehr grossen Stacheln davontragen.

    Das weiche Fruchtfleisch der Feige schmeckt himmlich süss, so etwas Gutes hätte Matka in so einer unwirtlichen Gegend nicht erwartet. Sie sammeln so viele Feigen wie möglich, an jedem Kaktus, den sie passiert. Davon würde sie Louhi zum Dank mitbringen, den ohne seinen Rat würde sie die Feigen gar nicht erst pflücken können.


    Auch die von Kätchen beschriebenen Steine mit dem Hefepilz sieht sie, aber sehr selten. Wahrscheinlich ist es hier doch zu warm und zu trocken. Aber so viel sie kann, wird sie Kätchen davon mitbringen.


    Oasen sind das Wunder der Wüste, befindet Matka. Wasserstellen oder Brunnen und wunder-, wunderschöne Palmen inmitten dieser Ödnis, faszinierend.

    Hoch oben zwischen den Palmblättern sieht das Koboldmädchen Früchte hängen. Das müssen Datteln sein. Unbedingt möchte sie schauen, ob die tatsächlich so lecker sind, wie gesagt wird. Also klettert sie kurzerhand den Stamm der Palme empor, zieht ihr Messer aus der Schlaufe ihres Gürtels und schneidet einen ganzen Ballen dieser Früchte ab, die mit einem dumpfen "Pfump" unter ihr im Sand landen. Als Matka eine der Datteln probiert, lässt sie sich mit weit von sich gestreckten Armen nach hinten in den Sand fallen und lacht heiter auf. "Wie himmlisch lecker! Kaum zu glauben!" Klebrig, aber unsagbar köstlich. Matka schleckt sich die Finger ab und packt von den Früchten ein.


    So köstlich Feigen und Datteln auch sein mögen, so faszinierend Oasen auch sind, beängstigend ist die Wüste aber doch auch. Nicht nur der Treibsand, aus dem sich Matka mehrfach mit Hilfe des Kamels befreien kann, auch diese äusserst aggressiven Hamster und diese Knorks mit den unglaublich weit aufgerissenen Glubschaugen. Überall liegen Skelette von Tieren herum, die es wohl leider nicht bis zur Oase geschafft haben und durstig verendet sind. Na, zumindest dieses Schicksal würde ihr und ihrem Kamel erspart bleiben, denn Matka hat mehr als ausreichend Wasser mit.

    Das Hirn ist keine Seife ... es wird nicht weniger, wenn man es benutzt! :girl: