Wie Matka Mooswurzel auszog, die Stadtbewohner zu verstehen

  • "Du von rechts, ich von links." Das sollte wohl ein Flüstern sein. Ha, lachhaft! Gebrüll, Geschratel. *Knack knack* Solch grosse Füße mit derart schwerem Schuhwerk können nicht pirschen, geschweige denn sich an Wild heran schleichen.


    Matka hockt im Wurzelwerk einer alten Eibe, versteckt hinter Farn und Sträuchern und folgt der sich ihr bietenden Szenerie, noch nicht sicher, ob sie eher belustigt oder entnervt ist.


    Diese Menschenwesen, die sich Jäger nennen, sind grobe Klötze, geradezu bemitleidenswert. Matka und ihre Sippe würden sie vielleicht tatsächlich bemitleiden, würden diese Jäger sich nicht immerzu in ihrem Wald herumtreiben, lärmen und stören, Wild aufscheuchen, unnötig Schaden anrichten.

    Heute ist wieder einer dieser Tage, an dem sich viele Menschenwesen im Wald herumtreiben. Zwei dieser massigen Gestalten schicken sich gerade an ein Reh zu schiessen.


    "Na wartet ..." murmelt das junge Koboldmädchen. Unbemerkt von den Jägern huscht sie hinter einen Baum, an dem die zwei Kerle jeden Augenblick vorbei kommen würden. Still wird die Hand an die zerfurchte Rinde des Baums gelegt und leis etwas gemurmelt.

    Im nächsten Augenblick schnellen Wurzeln wie Schlangen aus dem Erdreich hervor, peitschen durch Unterholz und Laub zwischen den Füßen der Jäger hindurch, so dass diese ins Straucheln kommen. Wie einstudiert reissen beide die Arme in die Höhe, als sie über die Wurzeln stolpern, die unmittelbar wieder im Waldboden verschwinden, als wären sie nie da gewesen. Pfeil und Bogen fliegen durch die Luft, mit aufgerissenen Mündern und vor Überraschung geweiteten Augen fallen die Menschenwesen mit großem Getöse der Länge nach auf die dicken Bäuche.


    Matka ist sich nun sicher: DAS war definitiv spassig! Sie lacht hell und ausgelassen, was aber unter dem Gekreische von aufgeschreckten Vögeln untergeht, die, ebenso wie jegliches Wild in der Nähe, das Weite suchen.


    "Das geschieht euch recht!" konstatiert der junge Waldgeist, von den Kerlen ungehört. Für heute würden sie die Jagd abbrechen. Aber sie würden sicher wiederkommen, sie oder andere. Nie wird das aufhören und nie wird Matka müde werden, den Wald, die Bäume, die Tiere, ihre Freunde vor den Pfeilen dieser Grobiane zu schützen. Heute abend wird Matka beim Essen im Kreis der Sippe eine lustige Geschichte zum Besten zu geben haben.

    :!:Das Hirn ist keine Seife. Es wird nicht weniger, wenn man es benutzt. :patsch:

  • "Nie, niemals geht ihr in die Siedlung der Menschen. Auch haltet ihr euch von den Knochensümpfen fern und das Reisszahn-Gebirge ist auch nichts für euch, hört ihr?! Ihr seid weder der Gier der Menschen, noch der Wildheit der übrigen Kreaturen gewachsen. Hier im Wald seid ihr sicher, sind WIR sicher!"


    Wie oft hatten sie das eingebläut bekommen, die Ältesten wurden und werden nie müde, von den Grausamkeiten der Welt ausserhalb ihres Sommerwaldes zu berichten.

    Matka beobachtet sie ja oft genug, diese Jäger aus der Menschensiedlung. Manchmal werden sie von anderen Wesen begleitet, von seltsamen Halblingen oder Gestaltwandler. Manche, ein paar wenige bewegen sich nicht so plump und laut, beinahe so, als wären sie auch in Wäldern beheimatet und wüssten sich, dort zu bewegen ohne Schaden anzurichten.


    Was nur bringt sie aber alle dazu, fast täglich in den Sommerwald einzufallen. Mit Pfeil und Bogen jagen sie Rehe, Hirsche, Karnickel, Füchse, Rebhühner, gerade so, als haben sie Dutzende von Sippen zu versorgen. Wenn man sich aber ihre Wampen anschaut, so erkennt man, dass es ihnen nicht nur um das Stillen ihres Hungers gehen kann.


    Matka sitzt bequem in einer Astgabel einer Eibe, lässt ein Bein baumeln und grübelt. Was stellen diese Menschenwesen mit dem ganzen Fleisch, den Fellen und Federn nur an? So sehr sie sich bemüht, sie kann an den Jägern selten nur Gewandung aus Leder oder Fell erkennen. Das Schuhwerk, ja, ab und an, aber ihre Beine, Arme und Oberkörper sind zumeist mit Stoff bedeckt.


    Das Koboldmädchen fasst einen Entschluss. Sie würde den Jägern folgen, sich in die Menschensiedlung schleichen und schauen, was sie dort mit ihrer Beute anstellen. Vielleicht nicht heute, aber morgen eventuell oder den Tag darauf. Sie würde es herausfinden, bei allen Geistern!


    Matka legt die Stirn in Falten. Soll sie allein gehen oder jemanden mitnehmen? Ihren Bruder in keinem Fall, der ist zu jung, verplappert sich und verpetzt sie und ihren Plan. Ihren Cousin Bolle Blattgrün? Huh, nein, der ist viel zu tolpatschig, wahrscheinlich würde er sie noch auffliegen lassen, weil er in der Menschensiedlung über irgendetwas stolpert, wo hängen bleibt oder hinein fällt. Ihre Freundin Else Eichblatt kann sie gleich ausschliessen, die ist viel zu ängstlich. "Dann muss ich wohl allein gehen, ist wohl auch besser so. Ich werde einen guten Zeitpunkt abpassen, mich aus dem Wald herausschleichen und zurück sein, eh irgendjemand etwas bemerkt!" beschließt Matka. Noch eine Weile sitzt sie auf dem Baum, dann schwingt sie sich hinab und macht sich auf den Heimweg.

    :!:Das Hirn ist keine Seife. Es wird nicht weniger, wenn man es benutzt. :patsch:

  • Es gießt wie aus Kübeln und die Sippe hat sich in der großen Halle im Stamm der heiligen Eiche versammelt. Man genießt das Abendmahl aus Eckernmus, Kastanienbrot, Pilzsuppe und frischem Salat aus Farn, Buschwindröschenblättern und Hainsimse. Unbemerkt steckt Matka ein paar Stücke Brot in ihren Beutel, den sie heute wohlweislich nicht abgelegt hat. Zum Nachtisch gibt es Oma Hornmoos' phantastischen Pudding aus Fichtenzapfenharz, von dem die junge Koboldin etwas in ein Blatt rollt und ebenso in ihrem Beutel verschwinden lässt. Nach dem üppigen Mahl lauschen alle satt und zufrieden noch den Erzählungen der Ältesten.


    Träge und schläfrig, wie mittlerweile alle sind, scheint dies eine ausgezeichnete Gelegenheit zu sein, sich aus dem Staub zu machen. Leise und unbemerkt huscht Matka aus der Halle, verlässt die Eiche und läuft zur kleinen Lichtung hinter dem Buchenhain. Dort sucht und findet sie Gilda, das Glühwürmchen. Gegen eine Portion Harzpudding erklärt sich Gilda einverstanden, Matka den Weg aus dem Wald zu leuchten, zumindest durch den dichtesten Teil, bis dorthin, von wo aus man die Lichter der Menschensiedlung schon zwischen den Bäumen hindurch schimmern sehen kann.


    "Du versprichst, vor dem Morgen zurück zu sein? Ganz bestimmt?" fragt Gilda, als die beiden den Rand des Sommerwaldes erreicht haben. Matka hört schon kaum mehr zu. Laute Stimmen, Lärmen, seltsame, unbekannte Geräusche dringen zu ihnen hinüber.

    "Matka!" Gilda fliegt unmittelbar vor dem Gesicht des Koboldmädchens auf und ab, um endlich dessen Aufmerksamkeit zu erlangen.

    "Huh? Ja, jajadoch, Matka ist zurück, bevor der Sommerwald hell wird, versprochen."

    "Wenn nicht, werde ich Oma Hornmoos sagen wo du bist, und glaub mir, dann wirst du Ärger bekommen."

    "Matka ist nicht dumm! Gilda muss aber jetzt zurückfliegen."

    Die beiden verabschieden sich voneinander und Matka tritt den Weg zur Menschensiedlung an.


    Der Lärm wird immer intensiver, die Menschenwesen sind noch lauter als sie es in Erinnerung hat. Matka steht oben auf der Anhöhe und schaut auf die Siedlung hinab. So viele Menschenwesen auf einmal hat sie noch nie gesehen. Manche sitzen am Feuer beisammen, erzählen und lachen. "Wie wir, nur lauter." stellt Matka fest. Andere musizieren und tanzen dazu. "Wie bei uns, nur lauter." konstatiert die junge Koboldin.


    Plötzlich erfüllt ohrenbetäubender Radau die Luft, es wird taghell und der nächtliche Himmel ist erfüllt von Blitzen. Bunten Blitzen! Bunten Blitzen, die sich in viele kleine Sterne auflösen und auf die Erde regnen. Die Menschenwesen gröhlen vor Begeisterung, "Ahs" und "Ohs" ertönen. Matka schreit auf vor Schreck, macht einen Satz zur Seite und stolpert über eine Wurzel. Ausgerechnet! Ausgerechnet sie, die mit den Wurzeln im Sommerwald immer gemeinsame Sache macht, um die Jäger stolpern zu lassen. Matka kullert den Abhang hinunter, versucht sich immer wieder irgendwo festzuhalten, purzelt schneller, alles dreht sich. Bunte Blitze, bunte Sterne, lautes Knallen. Sie verliert ihren Beutel und jegliche Orientierung, purzelt immer schneller. Dann, plötzlich, ist es still.

    :!:Das Hirn ist keine Seife. Es wird nicht weniger, wenn man es benutzt. :patsch:

  • Mit brummendem Schädel erwacht Matka und sieht verschwommen jemandem vor sich stehen. 'Huh verdammt, sie haben mich entdeckt!' denkt sie und versucht sich aufzurichten, um davonzulaufen. Sie hört eine Stimme und wäre sicher, dass es dieser Jemand ist. Aber der hat sich nicht bewegt, zumindest so weit ihr verschwommener Blick ein klares Erkennen zulässt. Das Koboldmädchen blinzelt, wischt sich mit der Hand über die Augen und hört wieder diese Stimme.

    Portal? Trent? Wo?? Was?? Und vor allem warum?!! Und wie bei allen Geistern kommt sie dazu, einer Steinfigur zuzuhören?! Nein, Holz, kein Stein. Nein, auch kein Holz. Ach, verdammt, was spielt das für eine Rolle. Dieses Dings erklärt ihr, dass sie nicht mehr im Sommerwald ist, nicht einmal in der Nähe. Simkea ... noch nie gehört. Diese bunten knallenden Blitze müssen sie am Kopf getroffen und ihr Gedächtnis arg in Mitleidenschaft gezogen haben. Das kann entweder nur ein Traum oder ... genau! Ein böser Scherz dieser Menschenwesen!


    Allmählich sieht Matka wieder klarer und sie schaut sich suchend um, während diese Stein-Holz-Figur immer noch auf sie einredet. Portalinsel, Wächterfigur, Wächter der Tore, gerettete Seele. Wie jetzt? "Aber ich wollte doch gar nicht ... gerettet werden! Das Leben im Sommerwald war gut! Ich wollte nur sehen, warum diese grauenhaft grobschlächtigen Menschenwesen immerzu in den Wald kommen und alles zerstören!"


    Diese sogenannte Wächterfigur erkärt Matka völlig unbeeindruckt von ihrem Einwand, wie sie Brot backen, Holz schlagen, Feuer machen kann, drückt ihr ein paar Lumpen in die Hand, die sie überziehen soll ... und verstummt.


    "Heee, heda, sprich mit mir, wie komm ich zurück in den Sommerwald?" Es hilft nichts, das Dings bleibt stumm. Auch ist auf dieser Portalinsel niemand sonst zu sehen. Dann wird sie wohl die Insel verlassen und sich dieses Trent und das Umland mal anschauen müssen. Wenn doch nur ihre Freundin Else hier wäre, oder Bolle. Noch nie hat sich das Koboldmädchen so einsam gefühlt, so verängstigt. Dabei ist doch eigentlich ihr Bruder der ängstliche von ihnen und Matka hatte ihn oft genug trösten müssen. Wie gern würde sie das jetzt machen, um ihre eigene Furcht zu überspielen.

    :!:Das Hirn ist keine Seife. Es wird nicht weniger, wenn man es benutzt. :patsch:

  • "Oma Hornmoos, erzähl uns doch bitte eine Geschichte." rufen die Koboldkinder, während sie der Alten beim Einsammeln von Fichtenzapfenharz helfen.

    Die Kinder gehen immer gern mit, weil sie wissen, dass sie dann wieder eine der wunderbaren, spannenden, lustigen oder gruseligen Geschichten zu hören bekommen. Es gibt nichts Schöneres, als sich zusammen mit den anderen zu gruseln oder so herzhaft zu lachen, dass man beinahe vom Baum kippt und auf dem Rückweg zu erklären, wie man es besser gemacht hätte als der Held der Geschichte oder warum man selbst mutiger gewesen wäre.


    Heute erzählt Oma Hornmoos die Geschichte von Taps, dem frechen Hirschkäferjungen, der hinter einem wunderschönen, noch nie gesehenen Schmetterling herjagt. Er achtet nicht auf den Weg und fällt in eine Pfütze, die aber gar keine Pfütze ist, sondern ein Portal in eine ihm völlig fremde Welt. Auf der anderen Seite des Portals purzelt Taps aus dem hohlen Stamm einer dicken Eiche heraus und findet sich am Rande eines Dorfes wieder, in dem so viele Gestalten herum laufen, die er gar nicht kennt, noch nie gesehen hat. Sie sprechen alle verschiedene Sprachen, doch Taps versteht seltsamerweise alle. Die Angst packt ihn, als er die fremden Wesen sieht und voller Panik klettert er zurück in den hohlen Baum, will zurück in den Wald, aus dem er gekommen ist. Doch der hohle Stamm ist nichts weiter als ein hohler Stamm. Es gibt keine geheimen oder verborgenen Gänge oder Pforten, nichts, was dem Käferjungen ermöglichen würde, wieder zurück zu gelangen.


    Eine Weile hockt Taps in dem Stamm der Eiche und weint bitterlich. Als die Dämmerung allmählich einsetzt, knurrt ihm der Magen ganz grässlich ...



    Matka schreckt auf, geweckt von dem lauten Knurren ihres Magens. Verwirrt blinzelt sie und schaut sich um. Dann fällt es ihr wieder ein. Das Portal, die Wächterfigur, die Insel, die sie verlassen soll. Sie schaut an sich herab und auch an die Lumpen erinnert sie sich nun wieder.

    Als das Koboldmädchen diese Portalinsel verlassen hatte, war sie auf einen Baum geklettert, von wo aus sie die Umgebung auskundschaften und die nächsten Schritte überlegen wollte. Offensichtlich war sie eingeschlafen und hatte von Oma Hornmoos geträumt. Die Geschichte von Taps ... die gefällt ihr immer noch am besten.


    Matka fährt sich durch die wilden, grünen Haare, wischt sich über die Augen und atmet tief durch. Noch einmal. Und noch einmal. Schliesslich klettert sie von dem Baum herunter und folgt dem Pfad, der - wie sie vom Baum aus gesehen hat - zu den Mauern einer Stadt führt. Das wird dann wohl Trent sein. Sie muss unbedingt etwas essen und ein sicheres Lager für die Nacht finden. Da sie nicht weiss, wie gefährlich die Umgebung hier ist, wird sie wohl erst einmal Schutz innerhalb der Mauern suchen.

    :!:Das Hirn ist keine Seife. Es wird nicht weniger, wenn man es benutzt. :patsch: