Das Echo von Utopia: Der Riss im Schicksal

  • Die Nacht über Simkea war ungewöhnlich still, als die Schleier zwischen den Welten dünner wurden. Seit über zwei Zyklen nannte ich diese friedlichen Lande nun mein Heim, doch in der Dunkelheit regte sich etwas Altes, Sehnsüchtiges.


    Dann, im tiefsten Schlummer, geschah es. Der Raum schien sich zu falten und eine Gestalt aus purem Licht und Schatten trat aus dem Nichts an mein Lager. Es war eine unserer Gottheiten, deren Stimme nicht das Ohr, sondern direkt die Seele erreichte, wie das Grollen eines heraufziehenden Sturms.


    „Summerrain, gib Acht!“ erklang die göttliche Mahnung. „Zwei Jahre wandelst du nun in der Fremde. Das Band nach Utopia, die silberne Schnur deines Ursprungs, wird brüchig. Es fasert aus, gedehnt bis zum Äußersten. Du stehst am Scheideweg der Ewigkeit.“


    Die Präsenz beugte sich tiefer und die Luft um mich her begann zu flirren.


    „Wähle jetzt. Kehrst du heim zu deinem Blut und deiner Sippe? Oder lässt du das Band zerreißen? Wenn es erst reißt, wird Utopia für dich zu einem Mythos verblassen, den du nie wieder betreten kannst. Deine Familie, deine Wurzeln, sie werden verloren sein im Nebel der Zeit.“


    Ein Schauer durchlief mein Traum-Ich, doch die Gottheit war noch nicht fertig.


    „Wählst du Simkea, wird sich deine bisher verschwommene Gestalt festigen. Du wirst ein Teil dieser Welt. Doch in deinem Blut wird das Erbe Utopias weiterbrennen: Die Gabe des Weltenwandlers. Du wirst jede Gestalt annehmen können, die dein Geist sich vorstellt. Aber wisse um den Preis: Keine Maske ist von Dauer. Das Trugbild wird verblassen und dich stets in dein wahres, neues Ich zurückzwingen.“


    Ich fuhr hoch, das Herz ein rasender Trommelschlag gegen meine Rippen. Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn. War es nur ein Hirngespinst? Ich schloss die Augen und versuchte, das Gesicht meiner Mutter vor mein inneres Auge zu rufen. Doch entsetzt stellte ich fest: Die Züge waren unscharf, wie eine Zeichnung, die im Regen liegen gelassen wurde. Die Farben Utopias, einst so leuchtend, wirkten nun wie fahle Erinnerungen an ein fernes Leben. Es war wahr. Die Uhr tickte. Ein heftiger Kampf entbrannte in meiner Brust. Mein Verstand schrie nach der Sicherheit der Heimat, nach dem Bekannten. Doch mein Herz schlug im Rhythmus von Simkea, im Takt der Freundschaften, die ich hier unter dem weiten Himmel geschlossen hatte. Ich atmete tief die kühle Nachtluft ein. Das Flüstern des Windes in den Bäumen klang wie ein Willkommensgruß. In diesem Moment wurde es still in mir. Die Entscheidung war gefallen. „Ich bleibe“, flüsterte ich in die Dunkelheit. Ein kaum wahrnehmbares Reißen ging durch meinen Körper, als würde eine gespannte Saite endgültig nachgeben. Ein warmer Strom schoss durch meine Venen, das Erwachen meiner neuen Gabe. Ich spürte, wie sich meine Züge festigten, wie ich endlich ganz hier ankam.


    Morgen werde ich hinausgehen. Ich werde sehen, ob meine Freunde mich noch erkennen, wenn ich mit einem völlig neuen Gesicht vor sie trete und ich würde die Macht in meinem Blut prüfen... wie lange wohl die erste Verwandlung hält, bevor die Maske fällt?