Ein Link als eine späte Antwort an Gretchen. Wir haben bei dem Migrationspolitikthema sicherlich einige kontroverse Sichtweisen, die hier nicht endlos diskutiert werden können und auch nicht sollen. Ihrem Satz: „es muss aktiv Politik betrieben werden, die die Mehrheit unserer Bevölkerung anspricht“ steht mein Gedanke gegenüber:
Es muss aktiv Politik betrieben werden, die unserem Land dient.
Und das betrifft nicht nur die Thematik des demokraphischen Wandels und der fehlenden Facharbeiter:innen. Es betrifft auch unsere ethischen Grundlagen. Wenn es kein Einzelfall mehr ist sondern System wird, dass Kinder in ihr angebliches „Heimatland“ abgeschoben werden, das sie zuvor nie gehen haben, dessen Sprache und Schrift sie nicht richtig beherrschen, weil dies in ihrer Schule nicht gelehrt wird, die die dortige Kultur nicht verstanden und gelebt haben, weil sie in der westeuropäischen Kultur mit westeuropäischen Freund:innen und Klassenkamerad:innen aufgewachsen sind, dann stimmt tatsächlich etwas nicht mit unserer Migrationspolitik.
Bei dem unten verlinkten Gespräch im ZEIT Forum Wissenschaft fiel mir gestern Gretchen wieder ein und das Problem, dass die Mehrheit unserer Bevölkerung vielleicht manchmal nicht mehr genau weiß, was unserem Land dient. Vor allem, wenn sie den Lügen von Demagog:innen ausgeliefert ist. Und weil wir in einer Zeit leben, in der viele Menschen angesichts der multiplen Krisesituation (Klimakatastrophe, Krieg, Inflation, Energiekosten, Vernichtung der Biodiversität, Störung der Lieferketten, Teuerung der Nahrungsmittel, Mikroplastik, Zunahme der gegen Antibiotika resistenten Keime, Stärkung der autokratischen und diktatorischen Systeme über die drei Supermächte China, USA und Russland hinaus usw.) sehr viel Angst haben, sich leicht Angst machen lassen und sich an einfache Schuldzuweisungen klammern. Das hat ja seit 1933 mit den Juden schonmal geklappt.
Das folgende Rundfunk-Gespräch behandelt das von Gretchen angesprochene Migrationspolitikthema und dauert fast eine Stunde, aber das ist eine Stunde, die sich meines Erachtens für alle lohnt:
98. ZEIT Forum Wissenschaft: Deutschland: the place to be? - Wie wir als Einwanderungsland attraktiv bleiben.
Podiumsdiskussion am 16. Oktober in der Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften
Gesprächsgäste: Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, Simone Lässig, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der TU Braunschweig, Aileen Edele, Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM).
Am Mikrofon: Ralf Krauter, Redakteur „Forschung aktuell“, Deutschlandfunk und Andreas Sentker, Geschäftsführender Redakteur und Leiter Ressort Wissen, DIE ZEIT.
Deutschlandfunk 24. Oktober 2025,
Nachhören (53:15) über:
https://www.deutschlandfunk.de…ttraktiv-bleiben-100.html
Deutschland steht vor großen Herausforderungen: Der Fachkräftemangel verschärft sich, die Bevölkerung altert, und viele Regionen leiden unter Abwanderung und wirtschaftlicher Stagnation. Bereits heute fehlen in zahlreichen Branchen qualifizierte Arbeitskräfte. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sind jährlich rund 400.000 Zuwandernde nötig, um das Erwerbspersonenpotenzial stabil zu halten.
Deutschland ist ein Einwanderungsland. Deshalb ist Einwanderung nicht nur historisch für die Bundesrepublik essenziell gewesen, sondern auch für deren Zukunft. Der OECD „International Migration Outlook“ von 2024 zeigt, dass qualifizierte Einwanderung Innovation fördert, Steuereinnahmen steigert und Sozialsysteme stabilisiert. Gleichzeitig verschärft sich der politische Diskurs. Anstelle lösungsorientierter Debatten dominieren Ängste und politische Blockaden. Laut einer DeutschlandTrend-Umfrage sehen 48 Prozent der Befragten Einwanderung als das wichtigste Problem des Landes. In der Asyl- und Flüchtlingspolitik wünschen sich große Mehrheiten eine härtere Gangart.
Wie kann es in diesem Kontext gelingen, Einwanderung als Chance und Zukunftsstrategie zu begreifen? Wie müsste ein Land aussehen, das für Menschen mit Einwanderungsgeschichte tatsächlich „the place to be“ ist? Und was braucht es politisch, gesellschaftlich und strukturell, damit Potenziale sich entfalten können? (dlf)
Sim